Geschichte unmittelbar erleben – diesem Ziel widmete sich vor einigen Wochen eine Exkursion der zehnten Klassenstufe unseres Gymnasiums. Der Weg führte uns diesmal nach Berlin-Köpenick in ein Haus mit einer sehr langen und vor allem besonderen Geschichte: in die heutige Kunstanstalt Köpenick.
Ort einer bedrückenden Vergangenheit
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Haus als Haftanstalt des Amtsgerichts Köpenick in Betrieb genommen. 1933 übernahmen die Nazis mit der Macht in Deutschland auch dieses Gefängnis. Über eine reine Haftanstalt hinaus wurde das Haus nun auch zu einem Ort der Folter und Demütigung von Andersdenkenden.
Unmittelbar nach dem Ende des Weltkrieges brachte man hier ab 1945 – zumeist elternlose – Kinder und Jugendliche unter, deren Weltsicht intensiv durch den Nationalsozialismus geprägt war. So wurde das Haus in jenen Jahren zu einer Art Umerziehungsanstalt.
Später nutzte auch die DDR das Gebäude als Männer-Jugendgefängnis und Untersuchungshaftanstalt, bevor nach vielen Jahrzehnten zum ersten Mal Kultur die Räume eroberte: Das Fernsehen der DDR hatte das Gebäude als Kostümfundus und Schneiderei für eigene Produktionen auserkoren. Aber schon ab den 80er-Jahren verfielen die Räume weitgehend dem Leerstand.
Neues Leben, neue Kultur
Erst in den 2.000er-Jahren lebte das Haus neu auf: Der Verein KuKuK, Kunst und Kultur und Kreativität, nutzte fortan die Räumlichkeiten der ehemaligen Haftanstalt. Die Mitglieder des Vereins unterstützen Künstlerinnen und Künstler durch die Organisation von Veranstaltung und Bereitstellung von Räumen. Sie bieten ihnen eine Bühne für vielfältige kreative Darbietungen.
Stilles Erleben
Nachdem uns der Vater einer Schülerin solch spannende, aber auch beklemmende Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Hauses ermöglichte, zogen unsere Schülerinnen und Schüler allein los, die Etagen und Räume des Hauses zu erkunden.
Es wurde zu einem bedrückenden Erlebnis: dunkle Gänge und vergitterte Fenster und Aufgänge prägen das Bild: Die Zellen sind winzig, für die hier inhaftierten Menschen gab es in den Räumen keine Toiletten und keine Heizung. Durch eine schmale Öffnung in der Wand drang wenig Warmluft eines Kellerofens in die Zellen. Ein kleines Waschbecken auf dem Zellengang musste für alle Inhaftierten gemeinsam reichen.
Aus der Geschichte lernen
Es waren erschütternde Einblicke in jahrzehntelange Demütigung, Folter und entmenschlichende Haftbedingungen. Aushalten konnten wir an diesem Tag die bedrückende Enge des Hauses nur durch die überall offenstehenden Zellentüren und die unverschlossenen Treppenaufgänge.
Unser wichtigstes Fazit des Tages angesichts des Erlebten aber bleibt: Wir alle sind in der Pflicht, unsere Demokratie zu schützen. Wir müssen verhindern, dass sich die dunklen Zeiten aus dem vergangenen Jahrhundert wiederholen. Dafür müssen wir Verantwortung übernehmen, um die demokratischen Verhältnisse, die seit Jahrzehnten das Fundament unserer Gesellschaft bilden, zu bewahren und zu beschützen – sei es an der Wahlurne oder durch tägliches Engagement in der Gemeinschaft.
(nach einem Text von Heike Ziethen, Lehrerin)
